Fynn - "Hallo Mister Gott, hier spricht Anna" (Auszug)

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Fynn - "Hallo Mister Gott, hier spricht Anna" (Auszug)

Beitrag von Rhia am Di Nov 30, 2010 11:02 pm

Roter Mohn
Es geschah an einem schönen, sonnigen Tag. Die Straße war erfüllt von Kinderlärm, als plötzlich meine Welt zusammenbrach.
Ein Schrei tötete das Gelächter. Es war Jackie. Sie rannte auf mich zu. Ihr Gesicht war weiß vor Angst und Schrecken.
„Fynn“, rief sie, „oh Fynn, Anna! Sie ist tot. Sie ist bestimmt tot.“
Eiswasser rann mir den Rücken hinunter. Ich rannte die Straße entlang. Da hing Anna quer über einem Zaun. Ihre Finger griffen kraftlos nach einem Halt. Ich hob sie herunter und wiegte sie in meinen Armen. Schmerz flackerte in ihren Augen.
„Bin vom Baum gefallen“ flüsterte sie.
„Ist gut, Fratz. Wird alles gut. Ich bin bei dir. Ich halte dich fest.“
Mir war so elend. Aus den Augenwinkeln sah ich etwas, das mich noch mehr erschreckte, als das Kind in meinen Armen. Bei ihrem Sturz hatte Anna ein Stück von jenem schmiedeisernen Geländer abgebrochen.
Noch vor zwei Jahren hatte niemand so ein ähnliches Stück beachten wollen. Jetzt sah jeder dieses Eisenstück. Jeder sah die kristalline Bruchstelle, und sie war rot vorScham. Rot wie Blut.

Ich trug Anna nach Hause und legte sie vorsichtig aufs Bett. Der Arzt kam, verband sie und ließ mich mit ihr alleine. Ichhielt ihre kleinen Hände und schaute in ihr Gesicht, das sich schmerzlich verzog. Dann versuchte sie ein Lächeln. Das Lächeln gewann. Die Schmerzen versteckten sich. Dank Gott, sie wird gesund werden. Dank, Mister Gott!

„Fynn, wie geht es der Prinzessin?“, flüsterte Anna. „Es geht ihr gut“, antwortete ich, aber ich wußte nicht, ob es stimmte.
„Sie saß auf einem Baum und konnte nicht wieder runter. Ich bin ausgerutscht.“
„Es geht ihr gut.“ „Sie hatte Angst, soviel Angst. Sie ist doch bloß ein Kind.“
„Es geht ihr gut. Ruh dich aus. Ich bleib bei dir. Hab keine Angst.“, sagte ich.

„Ich hab keine Angst, Fynn. Kein bißchen.“
„Schlaf Fratz. Schlaf ein bißchen. Ich bleib bei dir.“ Sie schloß die Augen und schlief ein. Es wird alles gut werden, es wird alles gut werden, es wird alles gut werden. Tief innen wußte ich es.
Zwei Tage hielt dieses beruhigende Gefühl an und vertrieb mir die Furcht. Mein Lächeln und ihre Erzählungen von Mister Gott machten mich sicher. Meine Beklemmungen lösten sich.
Ich sah aus dem Fenster, als sie nach mir rief.

„Fynn?“
„Hier Fratz. Was möchtest du?“ Ich wandte mich zu ihr.
„Fynn, es ist so komisch. Es kehrt sich alles von innen nach außen.“ Auf ihrem Gesicht malte sich Staunen. Eine Faust preßte mir das Herz zusammen. Ich dachte an Oma Harding.
„Fratz!“ Meine Stimme war viel zu laut. „Fratz! Sieh mich an!“
Ihre Augen flackerten, als sie lächelte. Ich stürzte zum Fenster, riß es auf. Cory war draußen.
„Schnell, hol den Arzt!“
Cory nickte und raste davon. Plötzlich wußte ich Bescheid. Ich ging zurück zu Annas Bett. Es war keine Zeit zum Weinen. Es war niemals Zeit zum Weinen. Kalte Angst saß in meinem Herzen. Ich hielt ihre Hand. Ich dachte, ich bat, ich betetet, ich beschwor Mister Gott.
„Fynn“, flüsterte sie und wieder lief ein Lächeln über ihr Gesicht. „Fynn, ich hab dich lieb!“

„Ich dich auch Fratz.“ „Fynn, ich wette, Mister Gott läßt mich dafür in sein Himmel rein.“
„Ich wette, er wartet persönlich auf dich am Tor.“

Ich wollte noch viel mehr sagen, aber sie hörte nicht mehr zu.
Die Tage brannten nieder, wie große Kerzen, Die Zeit schmolz und gerann zu nutzlosen, häßlichen Klumpen.

Zwei Tage nach Annas Begräbnis fand ich eine Schachtel in der sie Samenkörner gesammelt hatte. Das gab mir Arbeit. Ich ging zum Friedhof und stand dort eine Weile herum. Wäre ich ihr doch nur näher gewesen, hätte ich nur mehr von ihr gewußt. Hätte ich… hätte ich. Ich streute die Körner auf die frisch aufgeworfene Erde und warf die Schachtel fort.

Ich wollte Mister Gott hassen, wollte ihn aus meinem Leben werfen. Aber er ließ sich nicht verscheuchen. Er wurde realer als je zuvor. Ich konnte nicht hassen, nur verachten. Gott war ein Dummkopf, ein Kretin. Er hätte Anna retten können, warum hatte er es nicht getan?
Er ließ es einfach geschehen und es war die unsinnigste Sache der Welt. Dieses Kind… es war noch nicht 8 Jahre alt. Gerade als es… ach zum Teufel.

Ich lebte weiter. Die Jahre vergingen. Manchmal zog der Geruch eines Holzfeuers durch meine Phantasie. Rübezahl, Knast-Willi, die verrückte Lilly, Anna und ich.
Irgendwann geschah etwas und ich weinte.Ich weinte zum ersten Mal seit Jahren. Ich ging aus, an jenem Abend und blieb die Nacht lang draußen. Wolken segelten.

Vielleicht stimmte mein Kummer nicht? Vielleicht war Annas Leben vollendet gewesen? Vielleicht war alles gar nicht sinnlos, kein idiotischer Zufall?

Am nächsten Tag ging ich zum Friedhof. Ich wußte, daß es nur ein kleines Holzkreuz gab und keinen Grabstein. Ich fand es erst nach einer Stunde. Ich atmete tief. Das Kreuz stand ein wenig schief, als sei es betrunken. Die Farbe blätterte ab. Der Name war noch leserlich: ANNA.

Ich wollte lachen, aber man lacht nicht auf einem Friedhof. Aber ich mußte lachen. Ich lachte, bis mir die Tränen über das Gesicht liefen. Ich zerrte das Kreuz heraus und warf es in ein Gebüsch.

„Also gut, Mister Gott“ , lachte ich, „Du hast mich überzeugt. Guter alter Mister Gott. Du bist manchmal ein bißchen langsam, aber irgendwann kommt alles in Ordnung.“

Auf Annas Grab wuchs ein Teppich von blutrotem Mohn. Im Hintergrund standen Lupinen. Die Bäume redeten miteinander die Baumsprache. Anna war zu Hause, sie brauchte keinen Grabstein. Eine Tonne feinsten Marmors würde diesen Platz nicht schöner machen.
Ich blieb eine Weile stehen und nach fünf Jahren sagte ich Anna zum ersten Mal: „Auf Wiedersehen.“
Auf dem Rückweg kam ich an dem großen Marmorengel vorbei. Er versuchte noch immer seine Blumen auf das marmorne Grab zu legen.
„He, du“, sagte ich zu ihm „gibs auf. Du schaffst das nie.“
Die eisernen Pforten öffneten sich. Ich sagte: „Die Antwort heißt <>.“ Und ein kurzer Schreck überfiel mich, als ich Anna sagen hörte: „Und auf welche Frage ist das die Antwort, Fynn?“
„Das ist leicht. Die Frage heißt: ‚Wo ist Anna‘“
Ich hatte sie wiedergefunden. Und ich war sicher, irgendwo saßen Anna und Mister Gott zusammen und lachten.



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Ποταμοῖς τοῖς αὐτοῖς ἐμβαίνομέν τε καὶ οὐκ ἐμβαίνομεν, εἶμεν τε καὶ οὐκ εἶμεν.

In die selben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind es - und wir sind es nicht.
(Heraklitus Ephesius, Fragmenta)
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